Sexualpädagogisches Konzept

Grundsätzliches

 

Unsere Kita soll für alle Mädchen und Jungen ein Haus sein, in dem sie sich heimisch fühlen. Deswegen haben die Kinder die Möglichkeit, sich im Haus frei zu bewegen und die Räume mit ihren Angeboten individuell und auch ohne Erwachsene zu nutzen. Jüngere oder unsichere Kinder werden begleitet und unterstützt, sich die Welt der Kita zu erobern.

 

Für die Entwicklung der Geschlechtsidentität ist es u.E. wichtig, dass Mädchen und Jungen in ihrem Rollenverhalten individuell wahrgenommen und respektiert werden. In altersangemessener Form wird über Geschlechtermerkmale und Rollenverständnis gesprochen. Die Kinder werden angeregt, sich mit ihrer Geschlechterrolle auseinanderzusetzen und sie ggf. zu hinterfragen. Mädchen und Jungen werden gleichermaßen an allen Aktivitäten beteiligt und gleichermaßen ermutigt, sich in Gesprächen, Planungen, Entscheidungen einzubringen.

Kindliche Sexualität

 

In den ersten Lebensjahren steht das „Bedürfnis nach Geborgenheit, Zärtlichkeit und sinnlicher Nähe und die Lust am eigenen Körper im Vordergrund.“ Babys und Kleinkinder erforschen ihre Umwelt, berühren, greifen, stecken Dinge in den Mund. Sie lernen auch ihren Körper kennen. Sie spüren empfindliche Körperstellen und entdecken Körperöffnungen. Sie probieren aus, wieviel Kraft sie haben und wie laut sie schreien können.

 

„Im Kindergartenalter wird den Kindern verstärkt bewusst, dass sie Mädchen oder Jungen sind. Sie setzen sich mit ihrer Geschlechtsrolle auseinander.“ Jungen wie Mädchen möchten herausfinden wie sie selbst und wie die anderen Kinder aussehen. Dazu gehören die „Doktorspiele“ oder die gemeinsamen Besuche der Toilette, wo sie sich gegenseitig beim pinkeln beobachten. Diese Erkundungen „dienen der Klärung von Fragen und befriedigen die Neugier.“ Kinder wollen keine erwachsene Sexualität praktizieren, auch wenn sie bspw. Geschlechtsverkehr imitieren. Sie spielen nach, was sie ggf. gehört oder gesehen haben. „Dazu veranlassen sie aber nicht Begehren und Lustgefühle, die denen Erwachsener vergleichbar sind, sondern spielerische Neugier.“ (Dorothea Hüssen, Wildwasser e.V., Ina-Maria Philipps, Institut für Sexualpädagogik Dortmund.)

Die Kinder stehen im Mittelpunkt

 

Es gehört für uns selbstverständlich zu unseren Aufgaben, wie in den Hamburger Bildungsempfehlungen beschrieben, die Lebenswirklichkeit der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Dies realisieren wir zum einen, indem wir ganz deutlich formulieren, dass die Kita in erster Linie ein Haus für die Kinder ist. Die Räume sind für die Kinder geöffnet und werden nicht verschlossen. Die Kinder sollen nicht darauf angewiesen sein, dass immer ein Erwachsener neben ihnen sitzt. Selbstverständlich sind wir aber in der Nähe und schauen regelmäßig nach ihrem Wohlergehen.

 

Zum anderen nehmen wir situativ Anlässe für Spiel- und Lernprozesse auf. Wir stören die Kinder nicht bei ihren Doktorspielen, schauen aber mit ihnen Bücher zu dem Thema an, besprechen mit ihnen die Regeln für Doktorspiele, bieten Rollenspiele an. Wir verbieten den Kindern nicht, sich aus zu ziehen, achten aber darauf, dass sie geschützt vor fremdem Blicken sind. Durch Angebote mit Materialien wie Fingerfarben, Matsche, Bohnenbäder lassen wir die Kinder wichtige Körpererfahrungen machen. In Doktorspielen oder auch in Vater-Mutter-Kind-Spielen gehen die Kinder gemeinsam auf Entdeckungsreise. So wie die Kinder in anderen Bereichen experimentieren, experimentieren sie auch mit ihren Körpern, fassen sich an, küssen sich vielleicht. Sie gehen auf eine Reise, die Körperentdeckung heißt. Das Wissen um die eigene Körperlichkeit macht Kinder stark und versetzt sie in die Lage „nein“ zu sagen, wenn Grenzen überschritten werden. Sie lernen dabei ihre eigenen Bedürfnisse, Gefühle und Grenzen kennen ebenso wie die der anderen.

 

Wir achten darauf, dass das Schamgefühl eines Jeden respektiert wird. Die Scham entwickelt sich zwischen dem vierten und siebten Lebensjahr. Dann mag das Kind sich vielleicht nicht vor anderen ausziehen, benutzt die Toilette nur noch alleine und möchte schon gar nicht angefasst werden.

 

Die Regeln für Doktorspiele (diese Regeln gelten grundsätzlich, die Kolleg/-innen von Zartbitter haben sie u.a. aufgeführt) sind daher sehr wichtig:

  • Jedes Mädchen/jeder Junge bestimmt selbst, mit wem sie/er Doktor spielen will.
  • Ein „Nein“ muss respektiert werden.
  • Mädchen und Jungen streicheln und untersuchen einander nur so viel, wie es für sie selbst und die anderen Kinder schön ist. • Kein Mädchen/kein Junge tut einem anderen Kind weh!
  • Niemand steckt einem anderen Kind etwas in den Po, in die Scheide, in die Nase oder ins Ohr.
  • Größere Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben bei Doktorspielen nichts zu suchen.
  • Hilfe holen ist kein Petzen!

Sexuelle Übergriffe unter Kindern

 

„Kindliche Sexualität ist eine positive, ganzheitliche Lebenserfahrung. Beim Ausprobieren kann es auch zu Grenzverletzungen kommen.

Grenzen können unabsichtlich verletzt und durch eine Entschuldigung korrigiert werden. Manchmal gibt es aber auch Situationen, in denen Mädchen und Jungen mit Drohungen, Erpressung oder Gewalt gezwungen werden. Hier spricht man von sexuellen Übergriffen unter Kindern.“ (Carmen Kerger-Ladleif, Diplompädagin, Fach- beraterin und Supervisorin)

 

Ein sexueller Übergriff unter Kindern liegt dann vor, wenn sexuelle Handlungen durch das übergriffige Kind erzwungen werden bzw. das betroffene Kind sie unfreiwillig duldet oder sich unfreiwillig daran beteiligt. Häufig wird dabei ein Machtgefälle zwischen den beteiligten übergriffigen und betroffenen Kindern ausgenutzt, indem z.B. durch Versprechungen, Anerkennung, Drohung oder körperliche Gewalt Druck ausgeübt wird. (Siehe auch Ulli Freund, Dagmar Riedel-Breidenstein: Sexuelle Übergriffe unter Kindern)

 

Wenn wir in der Kita zu der Einschätzung gelangen, dass ein sexueller Übergriff vorliegt, ist es unsere pädagogische Verantwortung einzugreifen, dies ergibt sich verpflichtend aus dem gesetzlichen Kinderschutzauftrag. Das betroffene Kind steht zu erst einmal im Fokus und erhält die ungeteilte Aufmerksamkeit. Es soll das sichere Gefühl haben, dass ihm von den Erwachsenen beigestanden wird und dass es nicht „Schuld“ hat. Das Kind soll Raum für seine Gefühle bekommen und die Bestätigung, dass sie berechtigt sind. Dieser zugewandte Umgang kann dazu beitragen, dass das Kind bald über den Vorfall hinweg kommt.

 

Das übergriffige Kind wird im Anschluss daran mit seinem Verhalten konfrontiert. Das Kind erlebt dadurch, dass seine Macht ein Ende findet, sobald sich eine verantwortliche, erwachsene Person einschaltet und ihre positive Autorität zugunsten des betroffenen Kindes nutzt. Das Ziel des Umgangs mit dem übergriffigen Kind ist es, die Einsicht des Kindes in sein Fehlverhalten zu fördern. Das ist aus fachlicher Sicht der beste Schutz für das betroffene Kind und zugleich der einzige Weg für das übergriffige Kind, mit solchen Verhaltensweisen aus eigenem Antrieb aufzuhören. (Siehe dazu auch Ulli Freund, Dagmar Riedel-Breidenstein, Strohhalm e.V.)

 

Mit den Eltern beider Kinder wird selbstverständlich zeitnah das Gespräch gesucht. Sie werden informiert und beraten, ggf. an eine Beratungsstelle verwiesen.

Einbeziehung der Eltern in unsere pädagogische Arbeit

 

Eltern haben unterschiedliche Erziehungsstile, Werte, Einstellungen und Sichtweisen. Wir möchten über die unterschiedlichen Vorstellungen über die kindliche Sexualität mit den Eltern sprechen, sie für die Bedürfnisse ihrer Kinder sensibilisieren und ihnen möglichst Klarheit und Sicherheit im Umgang mit kindlicher Sexualität vermitteln. So werden wir gemeinsam befähigt, unbefangen mit den Kindern über Sexualität zu sprechen, deren sexuelle Entfaltung zu ermöglichen und gleichzeitig Grenzen im Umgang miteinander zu achten. Wir bieten Elternabende mit Experten oder Expertinnen zu diesem Thema an und vermitteln bei Bedarf auch Kontakte zu Beratungsstellen. Eltern sind bei uns willkommen. Wir laden sie gerne zum Hospitieren ein, damit sie sich selbst ein Bild vom Alltag Ihres Kindes machen können.

 

 

Unser sexualpädagogisches Konzept steht Ihnen unter den folgenden Links auch als PDF in deutscher, englischer und türkischer Sprache zur Verfügung:

 

Sexualpädagogisches Konzept der Kita Schilleroper

Sex education strategy at the Kita Schilleroper

Kita Schilleroper çocuklarda cinsel eg ̆itim konsepti

 

 

Quellen/Literaturhinweise:

 

Freund, Ulli, Strohhalm e.V. „Kindliche Sexualität zwischen altersangemessenen Aktivitäten und Übergriffen“ Hüssen Dorothea,Wildwasser e.V.

 

Kerger-Ladleif, Carmen, „Kinder beschützen“

 

Philipps, Ina-Maria, Institut für Sexualpädagogik Dortmund

 

Riedel-Breidenstein, Dagmar und Freund, Ulli, Strohhalm e.V., „Sexuelle Übergriffe unter Kindern"